Die Schulzeit und das erste Hobby

Wir schreiben das Jahr 1978. Meine Einschulung stand vor der Tür. Für mich fing ein neues Kapitel in meinem Leben an. Kein Faulenzen mehr, den ganzen Tag mit anderen Kindern spielen. Das sollte jetzt vorbei sein. Ich war aber auch unheimlich neugierig auf das, was mich hier in der Schule erwartete.
Die erste Klasse war unheimlich spannend. Es machte Spaß, weil fast jeden Tag etwas neues dazukam. Ich schmiedete aber trotz alledem im Unterricht schon Pläne, was ich am Nachmittag noch alles erleben würde.

Ich bin früher oft durch die Gräben gezogen. Fast jeden Tag. Mich begeisterte die Welt unter Wasser. Mein Interesse galt den Stichlingen, Molchen, Schlammpeitzkern und so manch anderem Getier. Hier hatte mein Interesse an der Aquaristik seinen Ursprung - meinem ersten Hobby.
Ich bin an den Nachmittagen, mit Sieb, Kescher und Gläsern bewaffnet ausgezogen, um mir ein paar dieser Tiere für mein eingerichtetes Aquarium zu fangen. Wenn man hier überhaupt von einem Aquarium sprechen darf. Große Gurkengläser und Regentonnen mussten hier für meine Zwecke herhalten.

Ich hatte mich also mit meiner "Bewaffnung" auf mein Fahrrad geschwungen und in Richtung Wald abgedüst. Kurz vor Waldanfang war ein künstlich angelegter Graben zu finden, in dem es alle diese Lebewesen gab. Ich schnappte mir mein Glas und mein Sieb und ging am Graben entlang. Hier und da kescherte ich unter den Wasserplanzen mit meinem Sieb herum und fast jedes mal waren zwei bis fünf Stichlinge in diesem. Ich konnte mich stundenlang hier aufhalten. Am Graben sitzen und den Mücken zusehen, wie sie auf der Wasseroberfläche tanzten.
In meinem Glas waren jetzt schon ein paar große Brocken und ich musste zusehen, dass ich nach Hause kam. Nur noch schnell ein paar Wasserplfanzen holen und dann konnte ich den Heimweg antreten.
Zu Hause angekommen setzte ich die armen Tiere in das vorbereitete Glas. Damals wusste ich noch nichts von Temperaturausgleich und verschiedener Wasserqualität. Aber meine Stichlinge überstanden diese Prozedur. Nun hatte ich also mein eigenes Aquarium - ein Heimataquarium. Ab sofort musste ich mich auch um Futter für diese Tiere kümmern. So war ich wieder an den Gräben und Tümpeln zugange, um nach Wasserflöhen oder sonstigem Getier in diesen zu suchen. Durch Literatur und Hilfe von Freunden und Bekannten erlangte ich das Wissen, welches unbegingt nötig ist, will man Tiere bei sich pflegen.
Meine Begeisterung fand aber ein jähes Ende als der Winter nahte. Wie so oft, machte ich hier meine Erfahrung auf Kosten anderer. Dieses Mal waren die Fische die anderen. Es waren Minusgrade, und mein Glas und die Regentonne waren gefroren. Bis zum Grund. Und meine geliebten Fische mittendrin.
Jahr für Jahr machte ich meine Erfahrungen. Jahr für Jahr wurde ich besser. Aber es mussten Fische sterben - zu viele.

Auch im Winter unternahm ich diese Touren zu den Gräben. Dieses Mal aber aus einem anderen Grund. Diese Gräben waren lange, mit Eis bedeckte Bahnen. Und so herrlich glatt. Also sehr gut geeignet für Kinder. Man kann sich denken, wie oft ich dann auch immer eingebrochen bin. Meistens waren dieses auch noch Abwassergräben welche ich mir zum Spielen aussuchte, da die mir bekannten für diese Zwecke zu weit weg waren. Ich konnte mich nach dem Einbruch selbst kaum riechen. Meistens musste ich dann nach Hause, da der nasse, nun auch sehr kalte Fuß anfing weh zu tun.

Es war Winter 1978/79. Vielen wird diese Jahreszahl noch etwas sagen. Es war der strenge Winter mit den Massen an Schnee. Es fing im Februar 1979 an. Mitten in den Ferien. Schnee über Schnee und unser Dorf war eingeschneit.
Die russische Armee und Soldaten der NVA kamen vielerorts zu Hilfe, um die Straßen von Schnee zu räumen, damit wenigstens Versorgungsfahrzeuge hindurch kamen.

Aber es war fast aussichtslos. Selbst die Züge der Deutschen Reichsbahn fuhren nicht mehr. Es war alles zugeschneit oder verweht. Für die Erwachsenen war es wohl eine Katastrophe, aber für uns Kinder war es ein Riesenspaß. Im Schnee toben, Schneehöhlen bauen usw. Es machte einfach zu großen Spaß, in solchen Massen von Schnee zu spielen.


Schneehöhle auf unserem Hof

Der Schnee reichte bis weit in den März hinein. Aber wie alles Schöne, hatte auch dieser Spaß sein Ende als Mitte März die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne dafür sorgten, das der Schnee zu tauen begann. Im Sommer war das erste Schuljahr dann schliesslich zuende.
Das zweite war eigentlich wie das erste. Nur ein Ereignis blieb mir bis heute noch im Sinn.

Es war ein Schultag wie jeder andere auch. Wir saßen in der Klasse, die einen hörten unserer Klassenleiterin Frau Stieger mehr oder weniger zu, andere malten in ihren Schulbüchern und der Rest tuschelte mit dem Nachbarn. Mit meinem Banknachbarn Bernd hatte ich immer etwas zu kichern. Wir waren ja so furchtbar albern. Mit einen Mal ertönte unsere Handsirene. Alarm ! Feueralarm ! Hier in unserer Schule ? Wie kann das angehen ?
Gemeinsam marschierten wir aus der Klasse, stellten uns auf unserem Schulhof auf. So etwas war immer eine willkommene Abwechslung in unserem tristen Schulalltag. Alle konnten sehen, das jener Alarm keine Übung war. Schwarzer Rauch kroch in dicken Schwaden aus einem Fenster über einem Klassenzimmer. Es war aber leider nicht unseres. In den Gesichtern der Schüler schwand jede Hoffnung auf einen Tag schulfrei. Als dann auch noch unsere Klasse dazu aufgefordert wurde wieder in das Klassenzimmer zurückzukehren und den normalen Unterricht wieder aufzunehmen, waren die Gedanken bestätigt. Nur unsere Klasse hatte das Pech, den Unterricht fortsetzen zu "dürfen".

Ich war ein paar Tage später in der Wohnung und sah mir an, was die Flammen hinterlassen hatten. Es war ein schrecklicher Anblick. Alle Räume, die ich kannte, nicht mehr wiederzuerkennen. Es roch wie ein mit Wasser gelöschtes Lagerfeuer. Die Wände waren kohlrabenschwarz. Wie Holzkohle, die an die Wand geklebt wurde. Dieser Raum war einmal die Wohnstube. Das Feuer entstand im Nebenraum - der Küche. Dementsprechend sah auch dieser aus. Ich sah mir alles an, sehr genau, um diesen Anblick bis heute nicht mehr zu vergessen.
Den schnellen Löscharbeiten der Freiwilligen Feuerwehr ist es zu verdanken, daß der Dachstuhl weitgehend verschont blieb.

Nun, das dritte und letzte Schuljahr an der Lüblower Schule verlief eigentlich ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle. Meine Oma, Emmi Grant, war an dieser Schule als Direktorin tätig und unterrichtete Ausländer in unserer Landesspache, die in der ehemaligen DDR, ein Studium absolvieren konnten.


v.l.n.r.: Mubarek, meine Oma und Girma

Mit einem dieser Ausländer hatte ich ein freundschaftliches Verhältnis. Das lag wohl daran, daß er länger als alle anderen blieb. Er hieß Girma und kam aus Äthiopien. Wir fuhren viel mit dem Fahrrad umher und der erste Schnee war wie ein Wunder für ihn. Ich kann mich noch daran erinnern, wie er das erste Mal auf unserem Schulhof den Schnee vorsichtig in seine Hände nahm.
Heute habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Er ist wieder in die Heimat zurückgekehrt und hatte wohl noch mit meiner Oma einen brieflichen Kontakt aufrechterhalten. Das ist dann aber wohl auch eingeschlafen. Spätestens als meine Oma im Dezember 1986 starb.


Meine Oma in den 80er Jahren.

Es war wie gesagt das letzte Schuljahr an dieser Schule. Nach diesem erwartete uns das Vierte - an der Wöbbeliner Polytechnischen Oberschule. Vergleichbar mit der heutigen Realschule. Wöbbelin war genau 7,5 km von unserem Heimatdorf Lüblow entfernt. Das weiß ich so genau, weil wir oft mit dem Fahrrad zur Schule gefahren sind, wenn wir mal ein paar Stunden weniger Unterricht am Tage hatten. Unser Schultag fing mit der ersten Stunde um 7:35 Uhr an und unser Schulbus fuhr erst um 13:50 Uhr. Bei sechs Stunden am Tag war das auch in Ordnung, aber manchmal hatten wir eben auch nur vier Unterrichtsstunden. Wir hatten jeden Samstag Unterricht, aber in den unteren Klassen manchmal nur 3 Stunden und da bot es sich einfach an mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren.

In dieser Zeit, 1981, bauten meine Eltern auch unsere Werkstatt. Dieses Gebäude, welches auf dem Foto rechts gut zu sehen ist.
Ich erinnere mich noch an jede Bauphase. Fundamentgräben, Fundament, Mauern, Deckenbalken und Dach.
Ich spielte oft im Rohbau und dieses Mal mit dem Feuer.


Mein Vater in unserem Garten.

Von meiner Mutter erfuhr ich, dass meine Eltern dieses Ereignis nie erfahren haben. Wenn man sich das ausmalt, was hätte alles passieren können.
Aber ich war eben ein kleiner Feuerteufel. Wie das Wasser, zog mich auch das Feuer magisch an. Und ich freute mich, unter welcher Geräuschentwicklung das brennende Seil zu Boden tropfte. Und es kam wie es kommen mußte. Ein Tropfen dieses durch die Hitze flüssig gewordenen brennenden Seiles bekam ich natürlich auf meinen Finger. Voller Entsetzen ließ ich alles stehen und liegen, rannte so schnell ich konnte zu den Regentonnen und kühlte meinen Finger.
Ich bildete mir ein, noch ein Zischen wahrnehmen zu können. Es brannte höllisch. Aber wie bekam ich jetzt das zerschmolzene und harte mit meinem Finger verbundenen Etwas wieder ab?
Ich tat natürlich das Verkehrteste und riß es mir mit samt der Haut von meinem Finger. Die Wunde brannte jetzt noch stärker. Die Verletzung, es war eine Verbrennung Dritten Grades, von ca. 1 cm Länge trug ich noch Wochen später mit mir herum. Auch heute noch zeugt eine kleine Narbe von dieser Kindheitserinnerung.


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