Zeit des Alleinseins

Jetzt folgte ein Tief in meinem Leben. Ich war niedergeschlagen, depressiv und fast immer in Gedanken. Ich konnte Jacqueline einfach nicht aus meinen Gedanken verbannen. Ich fuhr immer mit dem Bus zur Arbeit und konnte mich an die Fahrt meist gar nicht erinnern. Inzwischen hatte ich das Rauchen aufgegeben, Alkohol war auch tabu und der Sport hatte eine große Bedeutung in meinem Leben erlangt. Das alles half mir über die Monate des Schmerzes hinweg. Dieses Tief dauerte ca. ein halbes Jahr. Dann war ich über die Trennung so halbwegs hinweg und ich konnte mich neuen Zielen entgegenwenden. Es heißt nicht, daß ich nicht mehr an Jacqueline dachte. In stillen Momenten, die es noch reichlich gab, kamen des öfteren immer wieder Erinnerungen hoch. Aber ich konnte diese schon ganz gut in den Griff bekommen.


Diplom zur bestandenen Prüfung zum 9.Kyu (weißer Gürtel)

Ich fuhr zu dieser Zeit an den Wochenenden oft zu Karate-Lehrgängen. Dort trainierte ich dann wie besessen in den drei Einheiten. Auch in der Woche legte ich neben meinen normalen Trainingszeiten ein paar zusätzliche Einheiten in meinem Wohnheim ein.

Man kann sich vorstellen, wie stolz ich auf meinen ersten, den weißen Gürtel war. Im Karate als der 9.Kyu bezeichnet, sollte er mir als Lohn für meine Mühen den Weg zu weiteren Graduierungen zeigen.

Ich war innerhalb des Wohnheims umgezogen und mein neuer Zimmerkamerad war ein Bodybuilding-Fan und trainierte in einem Studio in Schwerin. Ich ging einfach mal mit, um mir das mal anzuschauen, machte dann aber doch mehr mein eigenes Training. Ein paar Wochen später habe mich dann in dem Fitness-Club Zähle in Schwerin angemeldet, um mich dort mit dem Thema Fitness oder Bodybuilding auseinanderzusetzen. Ich las viel in Fachzeitschriften und begann Gefallen an diesem Sport zu finden. Ich trainierte sehr ehrgeizig und stellte meine Ernährung um. Zu dieser Zeit wog ich 60-61 kg. Karate und Bodybuilding harmoniert vielleicht nicht so ganz, aber ich wollte ein Kampfsportler mit einer guten Figur werden. An Ehrgeiz und Zielen hatte es bei mir noch nie gemangelt. Wenn ich mir etwas vorgenommen hatte, dann führte ich es auch zuende. Ganz egal, wieviel Steine mir in den Weg gelegt werden. Das hatte dann nur Einfluß auf die Dauer des Fortkommens, meine Ziele erreichte ich dennoch. Im Gegenteil, es spornte mich manchmal noch an, um es mir und den anderen zu beweisen. Ich war allein, hatte keine Partnerin und somit auch niemanden mit dem ich meine Freizeit teilen musste. Keine Kompromisse, wie es so schön heißt.
Das Training pegelte sich dann in der Woche ein. Zweimal Karate, zweimal Bodybuilding und einmal Schwimmen. Und das alles so organisiert, dass keine gleiche Sportart an zwei aufeinanderfolgenden Tagen betrieben wurde. Ab und zu übernahm ich dann auch noch das Training einzelner Anfängergruppen und an den Wochenenden noch die erwähnten Lehrgänge. Ich war also vollkommen ausgelastet. Angefangen um Jacqueline zu vergessen, jetzt so verbissen, daß ich nicht merkte, daß alles langsam aber sicher zur Belastung wurde.

Ich schraubte also einen Gang herunter. Gab den Trainerjob und das Schwimmen auf. Später folgte dann auch die Aufgabe des Bodybuildings. Jacqueline war schon lange nicht mehr in meinen Gedanken. Was mir blieb sind Erinnerungen und das Karate.

Mittlerweile habe ich den ersten Meistergrad ablegen dürfen und kann Bilanz ziehen. Es gab bisher nichts, was mich so forderte wie das Karate. Es gab Höhen und Tiefen, aber nach fast jedem Training fühlte ich mich ausgeglichen, aufgekratzt und dennoch erschöpft.

Es war der Ausgleich den ich suchte. Ich konnte explodieren und alles aus mir herauslassen, ohne jemanden bewußt weh zu tun.
Die Kata, die Formen des Karate, liegen mir allerdings mehr wie das Kumite - der Kampf. Das Training bezieht sich aber auf das Gesamte, man kann nichts ausschliessen und ich möchte es auch gar nicht. Ich hatte schon immer eine Schwäche für das Ästhetische, für die Perfektionierung jeder einzelnen Bewegung. Zu spüren, wie mit jeder Trainingsstunde die Technik besser wurde.

Der Sport hatte ein Teil meines Lebens übernommen. In der Schule war ich eher der unsportliche Typ. Es schien, als müsse ich alles aufholen, was ich damals nicht erreichen konnte.
Doch in Momenten von Feierlichkeiten, sei es an Geburtstagen, Weihnachten, Ostern und all die Feste der Familie, da wünschte ich mir, es wäre alles anders. Eine Frau an meiner Seite, um mit ihr gemeinsam den Weg des Lebens zu beschreiten - mit Kompromissen.


Kanku Dai - eine Kata im Shotokan-Karate


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